Wenn die Liebe den Verstand raubt

Amouröse Arbeitsstörungen Teil 1

Vor Kurzem erreichte mich die Anfrage einer jungen Frau, die mich um Hilfe bat. Sie habe Motivationsprobleme und könne nicht gut arbeiten und lernen. Hintergrund sei, dass sie einen neuen Freund habe und so verliebt sei, dass sie sich auf gar nichts anderes mehr konzentrieren könne.  Da sie mitten im Lernen vor ihren Abschlussprüfungen stand, sei dies eine schwierige Situation, ein echtes Problem für sie.

Dies ist definitiv mit Abstand die schönste und angenehmste Arbeitsstörung, wegen der ich seit langem angefragt wurde!

Typische Arbeitsstörungen

Viel häufiger erhalte ich Anfragen zu Arbeitsstörungen, die in etwa so klingen: „ Ich kann mich nicht konzentrieren, ich kann nicht effizient arbeiten, mir ist dann plötzlich etwas anderes wichtiger. Dann chatte ich stundenlang mit verschiedenen Leuten. Sobald ich am PC sitze, kann ich einfach der Versuchung nicht widerstehen, schnell mal bei FB reinzuschauen  oder zu surfen und am Ende des Tages habe ich nichts geschafft, fühle mich schlecht und langsam kommt bei mir die Panik auf.“

Oder der Klassiker unter den Arbeitsstörungen: Plötzlich werden Tätigkeiten, die man bisher gar nicht für besonders wichtig gehalten hatte und deshalb auch liegengeblieben waren, ganz wichtig und müssen dringend sofort erledigt werden.  Da bekommen dann auf einmal Haushaltsarbeiten die höchste Prioritätsstufe. Die Fenster müssen dringend geputzt werden, die Schränke von innen rausgewischt usw. Sogar Tätigkeiten, die man normalerweise gar nicht leiden kann, werden mit einem Schlag unendlich wichtig und unaufschiebbar.

Es fallen einem die unglaublichsten Dinge ein. Das merkwürdigste Vermeidungsverhalten, von dem  mir einmal eine Klientin erzählt hat, war stundenlanges gründliches Scheuern aller Kochtopfböden bis zum Hochglanz. Ja. Tatsächlich wahr! Der Kreativität scheinen da kaum Grenzen gesetzt…

Von kompletter Ineffizienz oder mangelnder Leistungsbereitschaft zu sprechen ist aber nicht ganz richtig, denn eine picobello aufgeräumte und geputzte Wohnung ist ja wohl auch eine tolle Leistung.

Während jedoch der Haushalt glänzt, sind die vorzubereitende Präsentation oder das Lernpensum liegengeblieben. Die Leistung und der Einsatz wurden an anderer Stelle erbracht. Es geht also darum, die Leistung, die Effizienz, die Energie und Kreativität in die richtige Richtung zu lenken.

Klassische Arbeitsstörungen lassen sich recht schnell und nachhaltig beheben. Durch klare Ziele, Strukturierung der Aufgaben und mit Hilfe eines realistischen Zeitplans kommt man rasch in einen guten Arbeitsmodus. Mehr dazu im Blogartikel Aufschieberitis.

Wie aber sieht es bei Arbeitsstörungen aus, die durch Gefühle verursacht werden?

Wenn Amor von der Arbeit abhält

Verliebtsein – ist das nicht der schönste Zustand, den man sich vorstellen kann? Da ist es doch nur selbstverständlich, dass man am liebsten ganz darin aufgehen möchte und alles andere an Wichtigkeit verliert.

JA! Die Liebe kann einem den Verstand rauben, denn sie ist eine ganz mächtige Emotion. Sie basiert auf einem der wichtigsten Grundbedürfnisse des Menschen, nämlich dem Wunsch nach Beziehung und Partnerschaft. Genau deshalb kann sie schlagartig zu einem übergeordneten Ziel im Leben werden und ihren Platz fordern.

Liebe beflügelt

Gleichzeitig ist Verliebtheit der Zustand, in dem unendliche Energien im Körper freigesetzt werden. Selbst die eigenen Bedürfnisse schrumpfen plötzlich auf ein Minimum zusammen. Schlagartig braucht man kaum noch Schlaf, fast nichts mehr zu essen und auch sonst nicht mehr viel. Genau wie es die Redewendung „von Luft und Liebe leben“ ausdrückt. Auf einmal wird alles so leicht und beschwingt, es geht einem alles so locker von der Hand. Schmetterlinge im Bauch und ein Lebensgefühl als hätte man Flügel.

Es sind diese ungeheuren Energien und Kräfte, die da im Organismus freigesetzt werden, die Sie selbstverständlich nutzen können, auch um zu arbeiten. Denn diese Energien stehen Ihnen ja genau jetzt zur Verfügung. Es ist so gesehen also fast der beste Zeitpunkt, um intensiv und konzentriert zu arbeiten und Höchstleistungen zu vollbringen. Rein physiologisch gesehen!

Die Arbeits-Liebes-Falle auflösen

Im konkreten Fall von Sabrina K*. haben wir folgende Strategie erfolgreich angewendet.

Sabrina kam mit dem Ziel: „Ich möchte nicht mehr dauernd an meinen Freund denken müssen. Das verhindert, dass ich mich konzentrieren kann. Und ich muss doch lernen“.

Auf diese Weise ist das Ziel nahezu unerreichbar, da es gar nicht Sabrinas wirklichem Wollen entspricht. Sie will ja an ihren Freund denken, er ist ihr ja wichtig. Auf diese Weise stellt sie sich also selbst eine Falle.

Ihr Verstand sagt: „Die Arbeit ist wichtig und deshalb darf ich nicht so viel an die Liebe denken.“ Mit diesem Gedanken wird die Arbeit zum Gegner der Liebe. Ihr Gefühl sagt nicht viel, sondern lässt sie einfach an ihren Freund denken. „Verboten!“ mahnt der Verstand.  „Ätsch- ich tue es trotzdem- Du kannst Dich gar nicht wehren!“  verschaffen sich die Gefühle dennoch Raum.

Nicht StörenSie kämpfen gegeneinander um Ressourcen wie Zeit und Aufmerksamkeit. Es entsteht eine Entweder- Oder- Situation. Das bringt Verwirrung und stört deutlich. Das Ergebnis sind Verlierer auf allen Seiten. Im Fokus steht plötzlich das Nachdenken darüber, dass man sich ausgeliefert fühlt. Die ganze Situation schaukelt sich hoch.

Viel leichter wird es, wenn man den Knoten löst und sie zu Verbündeten macht. Jeder kriegt seine Zeit und Aufmerksamkeit.

Das bedeutet zwei Ziele zu haben, die nicht im Konflikt sind, sondern zusammenpassen.

Die richtigen Ziele finden

Ziele müssen immer attraktiv für einen selber sein. Logischerweise kann ein Ziel nicht motivierend wirken, wenn man es gar nicht erreichen will. Damit sie leicht umsetzbar werden, sollten sie positiv formuliert werden. Die Smart Formel hilft dabei, wie Sie sich gute eigene Ziele setzen können. In meinem Beitrag Ziele erreichen Teil 1 beschreibe ich das ausführlich.

Grafische Darstellung der SMART-Formel. SMART steht hier für "Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch und Terminiert"

Sabrina hat ihre Ziele neu formuliert: Ein Ziel war: „Ich möchte meine Prüfungen bestehen. Ich möchte einen guten Abschluss machen. Dafür will ich lernen und Zeit wie Kraft investieren“ Das andere Ziel war: „Ich möchte Zeit für meinen neuen Freund haben. Ich möchte diese Zeit total genießen können“. Mit diesen Zielen war sie einverstanden, ohne jedes Unbehagen.

Doppelt gewinnen

Mit einem Schlag erkannte Sabrina, dass sie nicht nur beim Lernen andauernd an ihren Freund dachte, wodurch sie sich nicht konzentrieren konnte. Sondern auch in der Zeit, die sie mit ihrem Freund verbrachte, permanent ein schlechtes Gewissen hatte und immer halb beim Lernstoff war. Sie war nirgendwo mehr ganz bei der Sache.

Einen Zeitplan aufstellen

Um beide Ziele zu erreichen, haben wir gemeinsam einen konkreten und realistischen Zeitplan aufgestellt, in dem Sabrina einerseits klare Zeiten für ihre Prüfungsvorbereitung eingeplant hatte und andererseits klare Zeiten für ihren Freund reserviert hatte. Die Aufgabe für Sabrina lautete: jeweils ganz bei der Sache zu sein.

Das nahm sofort einen ungeheuren Druck von Sabrina und brachte ihr enorme Erleichterung. Sabrina kam nämlich von dem quälenden Gedanken des Entweder Liebe- Oder Arbeit zu einem Sowohl-als-auch-Prinzip.

Außerdem hatte sie mit dem Zeitplan nun den Überblick über ihre tatsächlichen zeitlichen Ressourcen.

Bei jeder Arbeitsstörung hilft es, eine ungestörte Arbeitsatmosphäre herzustellen

  • Keine Störungen von außen, also Telefon aus, Türe zu
  • Ruhe, also Musik o.ä. aus
  • Am Arbeitsplatz nur die für diese Aufgabe nötigen Unterlagen und Materialien
  • Essen und Trinken nur in Pausen

Die Gedanken lenken

Das eigentliche Problem von Sabrina bestand ja im Alltag darin, dass sie mit ihren Gedanken immer automatisch bei ihrem Freund landete, obwohl sie lernen wollte.

Die klare Trennung zwischen Lernzeit und Zeit für den Freund, die im Zeitplan erarbeitet wurde, ist eine Form des Selbstmanagements und des klassischen Zeitmanagements. Das reicht nicht ganz aus, um das Gefühl zu überzeugen und die Gedanken so zu lenken, dass sie in den richtigen Momenten bei der Sache sind.

Ein Zielbild entwerfen

Damit Sabrina leichter ins Lernen kam, haben wir zusätzlich mit einem Zielbild gearbeitet, um während der Lern- und Arbeitszeit nicht gedanklich abzuschweifen, sondern beim Inhalt zu bleiben.

Sabrina hat sich ganz konkret vorgestellt, wie es sein wird, wenn sie ihr Ziel, die Prüfung zu bestehen, erreicht hat. Dann hat sie sich vorgestellt, wie sie mit ihrem neuen Partner zusammen dieses erreichte Ziel feiern wird. Dieses Bild hat sie sich genauestens ausgemalt: Wie sie mit ihm ein gemütliches Picknick macht, auf einer kuschligen Decke am See liegt, ein Gläschen Sekt trinkt, etc. *

Sabrina sollte sich nun jedes Mal, wenn die Gedanken während des Lernens abdriften, dieses Bild als Reminder und Motivationshilfe vor Augen holen. Zusätzlich zu sich selbst zu sagen: Dafür lohnt es sich, jetzt durchzuhalten.

Unterstützt durch einige konkrete Übungen aus der Gedankenstopp-Technik und einer Übung zur Entspannung gelang es Sabrina schnell, wieder konzentriert zu arbeiten. Das Happy End kann kommen!

Im zweiten Teil zum Thema Arbeitsstörungen geht es um Liebeskummer

*Zu Wahrung der Anonymität des Klienten sind der Name und Details, die Rückschlüsse auf die Person zulassen könnten, abgeändert.

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