Stress und Burnout als Dauerbrenner

Das Thema Burnout ist in den Medien ein Dauerbrenner: Berichte über Prominente, die an einem Burnout Syndrom leiden, Zahlen über die erschreckende Zunahme der „totalen Erschöpfung“ am Arbeitsplatz mit den gravierenden Folgen für die Wirtschaft oder über Stress als Krankheitsursache, als Volksleiden. Meist sind die Artikel garniert mit einem kleinen Selbsttest, in dem man seinen persönlichen Stress-Level schnell feststellen kann.

Keine Frage: Ein gesellschaftlich und wirtschaftlich so relevantes Thema braucht Öffentlichkeit! Nur so lässt sich das erforderliche Bewusstsein für Handlungsbedarf schaffen.

Das scheint gründlich gelungen zu sein. Aber stimmt die Richtung?

Was ich zunehmend beobachte ist die Allgegenwärtigkeit des Themas Stress und Burnout im alltäglichen Leben. Es ist nicht nur permanent in den Medien, sondern auch in aller Munde. Kaum jemand, der auf die Frage „Wie geht es Dir?“ nicht mit seinem persönlichen Stresslevel antwortet: „Gut soweit, aber halt ziemlich im Stress“ oder „Wenn das so weiter geht, dann krieg ich demnächst einen Burnout.“

Mich rüttelt daran auf, dass Stress und drohender Burnout so selbstverständlich hingenommen werden und entsprechend darüber geredet wird, als sei es eine Art unvermeidbare Begleiterscheinung beruflicher Arbeit.

Mehr noch, es scheint fast so, als gehöre es dazu, Stress zu haben. Der eigene Stress, die persönliche Arbeitsüberlastung werden betont und herausgestellt. Jedoch nicht mit dem Fokus darauf, ihn abzustellen oder ihm entgegenzuwirken. Sondern vielmehr als einen Zustand, den man akzeptieren muss und dem man sich als persönliche Herausforderung zu stellen hat.

Stress wird zu einem Indikator für Leistungsfähigkeit und sozialen Status und somit paradoxerweise zu einem Merkmal für das, was als normal, gesund und attraktiv angesehen wird. Stress gehört dazu, wenn man dabei sein will (mehr dazu in diesem Blog-Artikel).

Stress als Selbstverständlichkeit

Stress ist unser Freund, solange er punktuell auftritt und durch eigenes Tun auch wieder beendet werden kann.Natürlich gibt es bei den meisten Menschen immer wieder auch stressende Situationen, das ist nicht nur normal, sondern auch wichtig und gut.

Denn Stress ist ein Energiespender, er setzt Kräfte frei, er beflügelt die Kreativität und die Innovationskraft. Er kann die Triebfeder für Veränderung und neue Wege sein.

Wenn man jedoch selber Stress und Überlastung als Indikator für die eigene Leistungsfähigkeit betrachtet, wird er in der Vorstellung zur Selbstverständlichkeit. Man braucht ihn, denn Stress ist dann ein wichtiges Erfolgskriterium. Man fühlt sich noch nicht mal mehr als Opfer des Stresses, sondern als Stress-Überwinders. Man fühlt sich also gut dabei!

Dadurch akzeptiert man Dauerstress und die latente Bedrohung durch Burnout als eine Art Begleiterscheinung des Erfolgs, der man sich zu stellen hat. Zustände und Bedingungen, die einem selber nicht gut tun, sondern ernsthaft schaden, werden so zu einer akzeptierten Voraussetzung.
Damit verstößt man massiv gegen die eigenen Bedürfnisse. Man verliert sie zusehends aus dem eigenen Blickfeld, statt sie zu verfolgen und sich für sie einzusetzen.

Die eigenen Bedürfnisse

Die Grundbedürfnisse basieren auf körperlichem Wohlbefinden, was auch die Psyche mit einschließt.

Lärm, Schmutz, Giftstoffe, übermäßige Hitze oder Kälte beeinträchtigen das Wohlbefinden genauso wie Stress durch Arbeitsüberlastung und permanente Abrufbarkeit. Werden die spürbaren Auswirkungen zu stark, zum Beispiel Schmerz und Krankheit, dann können sich andere Bedürfnisse nur noch schlecht oder gar nicht mehr verwirklichen lassen.

Auf der Basis des körperlichen Wohlbefindens bauen sich vier weitere Grundbedürfnisse auf: der Wunsch nach Sicherheit, das Streben nach sozialer Zugehörigkeit, die Suche nach der eigenen Identität und das Streben nach Anerkennung der eigenen Person durch das Umfeld.

Je nach Situation oder individueller Konstellation steuern die Grundbedürfnisse oft unser Verhalten, bewusst oder unbewusst. Wer einen Mangel z.B. an Sicherheit verspürt, wird riskante Verhaltensweisen vermeiden. Wer stark nach Prestige und sozialer Anerkennung strebt, wird sein Verhalten unbewusst daran ausrichten und viel Wert auf den Erhalt von Statussymbolen legen. Aber auch die jeweilige Situation kann unsere Grundbedürfnisse beeinflussen. In Zeiten großer Unsicherheit wird eine starke Gemeinschaft gesucht, um diesen Mangel auszugleichen.

Werden diese wichtigen Bedürfnisse jedoch immer wieder verletzt oder gar nicht befriedigt, schlägt sich das auch in körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen nieder. Schlicht: Man wird unzufrieden oder krank.

Warum Arbeit so wichtig ist

Gehört Arbeiten ebenfalls zu den grundlegenden Bedürfnissen des Menschen?

Grundsätzlich bedeutet Arbeit nichts anderes, als sich mit dem, was man in der Außenwelt vorfindet, auseinanderzusetzen und diese Umwelt mitzugestalten, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das kann durchaus Einsatz und Durchhaltevermögen erfordern. Findet ein Mensch in seiner Tätigkeit jedoch keine oder nur wenig direkte Befriedigung seiner Grundbedürfnisse, so wird Arbeit zum sturen Malochen oder reinen Schuften.

Arbeit bedeutet sinnvolle Aufgaben zu übernehmen.

Menschen wünschen sich sinnvolle Aufgaben, für die sie einen guten Ertrag erhalten. Ob der Ertrag ein materieller Ertrag im Sinne einer Entlohnung ist oder ein Ertrag im Sinne der direkten Befriedigung der Grundbedürfnisse, spielt dabei keine Rolle. Besonders gut lässt sich das beobachten, wenn sich Menschen ohne Aussicht auf materielle Entlohnung ehrenamtlich engagieren. Man möchte das Ergebnis der eigenen Arbeit sehen und sich daran erfreuen. Dafür Anerkennung bekommen, sich in der eigenen Community wohlfühlen und sich dabei selber weiterentwickeln.

Arbeit kann alle Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen.

Im modernen Arbeitsleben geht es den meisten Menschen nicht nur um Entlohnung. Klar brauchen wir das Geld, um damit die Grundlage für unsere Existenz zu schaffen. Darüber hinaus suchen Menschen in ihrer Tätigkeit aber auch die Anerkennung und Wertschätzung durch die Kollegen, die Vorgesetzten und durch das Unternehmen. Es ist ihnen wichtig, zu einem Team dazuzugehören, sich mit dem Unternehmen verbunden zu fühlen und einen Teil zu dessen Erfolg beizutragen. Viele Unternehmen haben das erkannt und schaffen ihren Mitarbeitern Arbeitsbedingungen, in den sie sich wohlfühlen können. Als Beispiel seien hier Startups genannt, in denen eine beinahe familiäre Atmosphäre besteht und die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem zunehmend verschwimmen. In vielen Unternehmen geschieht aber häufig das Gegenteil, der einzelne wird auf seine Leistung reduziert, es wird permanent umstrukturiert, ganze Unternehmensbereiche werden ausgelagert und ein Effizienzprogramm jagt das nächste. Derartige Rahmenbedingungen erschweren es den Menschen zunehmend, für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse auch in der Arbeitstätigkeit zu sorgen.

Vom richtigen Umgang mit falschen Arbeitsbedingungen

Auch wenn alle Menschen dieselben Grundbedürfnisse haben, so sind diese doch individuell unterschiedlich ausgeprägt. Die einen wünschen sich z.B. regelmäßige Mahlzeiten gemeinsam mit den Kollegen, während andere die Einstellung haben „lunch is for looser“. Dem einen kommt ein durchgetakteter Arbeitstag entgegen, weil er ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit hat und genau wissen will, was er zu tun hat. Andere dagegen fühlen sich durch Vorgaben und strikte Zeitplanung eingeengt und wünschen sich mehr Autonomie in der Erledigung ihrer Tätigkeiten. Genauso individuell ist es auch, welche Arbeitsbedingungen und Verhältnisse Menschen tatsächlich als echten Stress empfinden, also als Dauerbelastung mit negativen Folgen.
Selbstverantwortung kann man nicht delegieren.
Daher ist es sehr wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu beachten. Das ist und bleibt zunächst eine persönliche Aufgabe.

Auch wenn der Arbeitgeber die Pflicht hat, für angemessene Arbeitsbedingungen zu sorgen, die weder körperlich noch psychisch schaden, so kann er nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Die Selbstverantwortung des Einzelnen für sein Wohlergehen kann ihm nicht genommen werden. Bei Anzeichen körperlicher oder seelischer Erschöpfung ist man primär selber in der Pflicht, sich Hilfe und Unterstützung zu holen und sich selber zu schützen. Da ist es wenig hilfreich, nach Schuldigen zu suchen, darum geht es ja dann gar nicht. Sondern darum, persönliches Leid einzudämmen. Oder noch besser durch erhöhte Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sich und seine eigenen Bedürfnisse gut zu kennen. Körperliche oder psychische Warnsignale frühzeitig wahrnehmen und umgehend dafür sorgen, dass unsere Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.

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